Adidal Abou-Chamat – Transgression – Saarbrücken

zur Ausstellung:

Adidal Abou-Chamat spielt in ihren Fotografien mit Klischees. Die formal klar strukturierten Fotografien mit Brustporträts vor farbigem Hintergrund scheinen Personen zu zeigen, aber die Attribute verweisen auf Abgründe, die achtlose Denkgewohnheiten und Vorurteile aufzeigen. Eine durch das ornamentale Muster im Hintergrund als Afrikanerin konnotierte Frau hält eine Schokoladenspezialität: Antwerpener Hände. Kakaobohnen für die Schokoladenherstellung gehören in die Kolonialgeschichte Belgiens im Kongo. Eine andere Frau trägt ein Leibchen mit aufnähten Taschen wie für einen Sprengstoffgürtel. Diese Assoziation betrifft die Gegenwart und Vorstellungen über radikale Muslime. Bei aller Deutlichkeit im Zeigen von kulturellen, religiösen und sexuellen Klischees sind die Arbeiten von Adidal Abou-Chamat subtil und fordern Betrachterinnen und Betrachter dazu heraus, über eigene Erwartungen zu stolpern – ohne die, die Bilder nicht lesbar wären.

mehr: www.kuenstlerhaus-saar.de/adidal-abou-chamattransgressiongalerie

Notizen:

Aufmerksam geworden bin ich durch ein Foto im Ausstellungsflyer: Eine junge Frau trägt Handgranaten und eine Pistole am Gürtel, aber nicht als Waffen sondern wie Schmuck. Sowohl die Handgranaten als auch die Pistole sind offensichtlich Artefakte. Das Kunsthandwerkliche der Waffennachbildungen scheint ganz alltäglich in der Beiläufigkeit, mit der sie am Gürtel getragen werden.

Im Zusammenhang mit den anderen Arbeiten von Adidal Abou-Chamat ist der Gürtelschmuck der jungen Frau jedoch keine reine Spielerei mehr. Es geht um Erwartungen, Vorurteile und Achtlosigkeit. Die Attribute der in den Fotos inszenierten Frauen (ein Mann ist auch dabei) sind immer Hinweise auf Erwartungen, Denkfehler und Vorurteile. Egal, ob man die selber pflegt oder nicht, die Strukturen sind bekannt und Teil im gesellschaftlichen und politischen Alltag.

Fotos von einer Frau in Ballettposen, schwarz verschleiert mit Niqab und Abaya, an den Füßen rosafarbene Spitzenschuhe, erlauben den Blick von beiden Seiten: Einmal die verschleierte Ballerina,  bei der die Details der Posen und die Kraft der körperlichen Ausführung nicht zu sehen sind, einmal die körperbetont gekleideten Ballerinen mit bestrumpften Beinen und Tutu, wie sie sich wahrscheinlich jede und jeder beim Gedanken an Ballett vorstellt. Der Kontrast zwischen den Kostümen ist nicht ohne weiteres auflösbar. Geht es um das Zeigen und Verhüllen oder um die Zweckmäßigkeit der Kleidung? Geht es um Erwartungen und Konventionen? Oder um ein Aha-Erlebnis? Ich glaube, eine Recherche mit Aha-Erlebnis wäre gut.

Ort: Saarländisches Künstlerhaus e. V. Saarbrücken
Dauer: 07.11.2019 bis 05.01.2020
Besuch: Barbara Christin
Datum: 04.12.2019
URL: www.kuenstlerhaus-saar.de/