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Montage „Die Sammlungen“, Tei der Projektdokumentation 1997

Ausstellung meiner Wohnung, 1997

Vom 31.10. bis 2.11.1997 habe ich meine Wohnung Oberbilker Allee 40 in Düsseldorf ausgestellt. Das Kulturamt hatte an diesem Wochenende zu Offenen Ateliers eingeladen.

Mein Arbeitszimmer ist ein Raum in meiner Wohnung. Es ist ein privater Raum. In einem Text von 1996 habe ich das Arbeitszimmer und seine Ordnung unter dem Titel „Die Sammlungen“ beschrieben. Die Offenen Ateliers waren eine Gelegenheit, „Die Sammlungen“ zu zeigen. Was der Text für das Arbeitszimmer beschreibt, setzt sich in den anderen Räumen der Wohnung fort. Mit dem Arbeitszimmer wollte ich auch die anderen Räume der Wohnung für Besucher öffentlich zugänglich machen.

Die Wohnung musste vorbereitet werden. Für die Dauer der Ausstellung würde sie kein Ort sein, den ich bewohne, sondern einer, den ich zeige, den andere anschauen, ohne ihn ihrerseits bewohnen zu können. Mit der Inszenierung hatte ich schon Wochen vor der Ausstellung begonnen. Bis zum ersten Ausstellungstag sollte die Wohnung wieder so aussehen, als ob sie immer so aussehen könnte. Eine Wohnung mit Dingen, die benutzt werden. Und mit Staub, der sich auf Dinge gelegt hat, die weniger häufig benutzt werden.

Was ich im Einzelnen vorzeige, würde sich aus den Begegnungen mit den Besuchern und der Art und Weise, wie sie die Ausstellung benutzen, ergeben. Wie diese Begegnungen verlaufen sind, habe ich für jeden Besucher mit den „Besucherbeschreibungen“ notiert.

Die Besucherbeschreibungen

Heute ist in der Wohnung nichts zufällig. In allen Zimmern brennt Licht, die Türen stehen offen, alles ist vorbereitet, Besucher zu empfangen. Ich sitze auf der Kirchenbank, lese, rauche und warte.

Es klingelt. Ich stehe auf und drücke den Türöffner. In der offenen Wohnungstür erwarte ich den ersten Besucher.

Eine Frau kommt die Treppe rauf. Ich erkenne ihr Gesicht wieder, weiß aber nicht, wer sie ist. Sie freut sich, mich zu sehen. Mein Starmodell, begrüßt sie mich. Eins der Gesichter vom Aktzeichnen. Ich bitte sie herein. Ob ich keine Angst habe, fragt sie. Drei Tage lang Fremde in der Wohnung. Nein, ich habe keine Angst. Sie sieht sich in der Wohnung um. Deutsche sind immer so dokumentarisch, sagt sie. Ich widerspreche ihr. Das ist ein Satz aus der Zeitung. Heinrich Mann war poetisch, überlegt sie. Im Schlafzimmer liegt ein Buch von Mann. Wir gehen ins Schlafzimmer. Handke ist furchtbar, sagt sie. Handke steht da im Regal. Die Sammlungen zeigen. Ihr Bruder macht auch mit bei den offenen Ateliers. Ich frage sie nach dem Namen ihres Bruders. Ich kenne ihn nicht. Ihre Mutter hat gesagt, sie soll rumgehen. Jemand muß rumgehen und gucken. Sei ehrlich, du hast einen Freund im Schrank versteckt, meint sie auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Arbeitszimmer. Ich habe keinen Freund im Schrank versteckt. Ich zeige ihr die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen. Sie setzt sich an den Arbeitstisch und öffnet die Schachtel. Ob ich von woanders kommen könnte, überlegt sie. Die Zeichnungen sind poetisch, südländisch. Ich werde oft für eine gehalten, die von woanders kommt. Sie erzählt mir, daß sie Grafikerin ist. Eigentlich wollte sie zu Naegeli, der hat sein Atelier gleich um die Ecke. Aber da hing ein Schild an der Tür: wegen Todesfall geschlossen. Sie will ein Buch von ihm signieren lassen. Sie zeigt mir das Buch. Als sie sich verabschiedet, spricht sie wieder von der Angst. Der dunkle Abend. Die fremden Ateliers.

Der nächste Besucher ist ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille. Er trägt eine Lodenjacke. An der Wohnungstür stelle ich mich vor und bitte ihn herein. An mir vorbei begleite ich ihn ins Arbeitszimmer. Er wohnt zwei Straßen weiter, erzählt er, und nutzt die Offenen Ateliers, um die Künstler in der Nachbarschaft zu besuchen. Ich frage ihn, was er macht. Er ist Rentner und gärtnert und ist Großvater und früher hat er Super 8 gefilmt. Ich zeige die Wohnung und die Sammlungen, erkläre ich ihm. Er schaut sich um und geht ins Schlafzimmer. Ich biete an, eine der Sammlungen zu zeigen. Wir gehen ins Arbeitszimmer zurück. Aus dem Regal reiche ich die Schachtel mit Fotos von den Zeichnungen. Er setzt sich an den Arbeitstisch und nimmt vorsichtig Blatt für Blatt aus der Schachtel. Seine Tochter ist Grafikerin, erzählt er. Dann hat sie zur Mode gewechselt; sie hat jetzt einen Laden, direkt gegenüber der Schule; sie ist alleinerziehend. Wenn das Kind zur Schule geht, ist es schon halbe Tage untergebracht, meine ich. Ja, und der Freund kümmert sich um die Geschäftsführung. Er besieht die Farbtuben in den Schachteln auf dem Tisch. Mit welchen Farben ich arbeite, fragt er. Die Zeichnungen an der Wand gegenüber vom Arbeitstisch sind mit Bleistift und Tempera gemacht. Er fragt nach den Pinseln neben den Wasserbechern. Das sind Synthetikborsten, für Acrylfarbe. Sie haben viele Pinsel, meint er und zeigt auf die beiden Töpfe, in denen ich die Pinsel aufbewahre. Ja, aber dann sind es doch nur zwei, drei Pinsel, mit denen ich hauptsächlich arbeite.

Thomas kommt in Begleitung einer Kollegin, die ich vom Sehen kenne. Er stellt uns vor. Ich bitte die beiden rein. Christel bleibt an der Schwelle stehen und lächelt. Thomas wartet hinter ihr. Ich gehe einen Schritt zur Seite, einladend. Christel geht voraus ins Arbeitszimmer. Sie haben sich auf der Straße getroffen, erzählt Thomas. Christel steht mitten im Zimmer. Schön, wenn man hier rein kommt, schön nach den anderen Ateliers. Die beiden sehen sich um. Sie bemerken das Bild vom Schlafzimmer an der Wand. Im Schlafzimmer gibt es ein Bild vom Arbeitszimmer. Wir gehen ins Schlafzimmer. Thomas begutachtet den japanischen Holzschnitt an der Wand, Christel fragt nach Arbeiten. Ich bitte sie zum Arbeitstisch und reiche ihr die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen. Wir kommen auf Bildergeschichten zu sprechen. Eine Gelegenheit, den Comic zu zeigen. Wenn man den Comic gesehen hat, will man nichts anderes mehr anschauen, sagt Christel. Sie läßt die Schachtel liegen und steht auf. Thomas, Christel und ich stehen im Zimmer, jeder schweigt in eine andere Richtung. Christel will gehen. Ich bitte sie, sich ins Buch einzutragen. Sie bemerkt den Sammlungstext, der neben dem Buch ausliegt. Ob das Texte von mir sind. Ein Text. Eßtisch, liest sie. Sie freut sich am Eßtisch zu stehen, während sie Eßtisch liest. Sie faltet das Blatt zusammen und steckt es ein. Sie will mir einen Katalog mit einem Text von ihr schicken. Sie schreibt ihre Adresse ins Buch und überlegt. Erwartet hätte ich sie nicht, meint sie. Schon erhofft, sage ich ihr. Schon erhofft, kaum war ich da, schreibt sie ins Buch. Sie lädt mich ein, sie zu besuchen. Ich begleite sie zur Tür.

Thomas hat sich in einen Katalog mit japanischer Druckgrafik vertieft. Als ich zurückkomme, spricht er von Abstraktion, Strukturen, Figuren, hell, dunkel. Die Gewaltdarstellungen fallen ihm auf. Vorne im Buch liegt eine Postkarte mit einer Fotografie von Araki. Ich zeige sie. Thomas erzählt von einem japanischen Künstler und seinem rituellen Selbstmord. Von diesem Selbstmord gibt es eine Videoaufnahme. Über Schwarzkogler und Kunstzerstörer kommen wir zu Adolf Wölfli. Wölfli interessiert mich. Wer interniert und behütet ist und malen und schreiben darf, kann nicht unglücklich sein, meint Thomas. Ich habe Zweifel, zuviel Energie, die abgearbeitet werden muß. Thomas erzählt von Kunst und Psychatrie. Um Mitternacht bitte ich ihn, zu gehen. Er trägt sich als Thomas, einer von 14, ins Buch ein.

Als es an der Tür klingelt, sitze ich beim Frühstück und notiere die ersten Beschreibungen. Die Inszenierung der Wohnung ist noch nicht vollständig wiederhergestellt. Der Besucher ist eineinhalb Stunden zu früh. Bis der in den dritten Stock gestiegen ist, habe ich Zeit, die Notizen wegzuräumen und die Tasse in die Küche zu bringen. Das Bett ist gemacht.

Ich bin neugierig, wer so früh kommt. Ich warte in der offenen Wohnungstür. Ein Mann kommt die Treppe rauf. Brille, graues Haar, grauer Bart, schwarze Lederjacke, schwarze Lederhose, Bergschuhe. Wir stellen uns vor. Ich bitte ihn in die Wohnung. Ich fordere ihn auf, sich umzusehen und erzähle, daß die Offenen Ateliers die Möglichkeit sind, den Text „Die Sammlungen“ auszustellen. Mein Kleiderschrank fällt ihm auf. Ein Erbstück. Sie kommen nicht aus Nordrheinwestfalen, sagt er. Sie singen, wenn Sie sprechen. Singe ich? Er schaut sich im Arbeitszimmer um und möchte dann Arbeiten sehen. Ich zeige ihm die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen. Er vergleicht sie mit den Zeichnungen, die meinem Arbeitstisch gegenüber an der Wand hängen. Er beschäftigt sich lange mit den Fotos. Die Gruppen, die Anordnung, das ist überzeugend, sagt er. Ich will die Katze aus dem Sack lassen. Er hat eine Galerie und schaut sich nach Künstlern um, die bei ihm ausstellen könnten. Er erzählt von der Galerie und seiner Arbeit als Kunstpädagoge. Wir plaudern ein bißchen. Vom Balkon aus zeige ich ihm, wie er zum nächsten Atelier kommt. Er freut sich, daß der Tag so gut angefangen hat. Es ist gut, wenn ein Tag gut anfängt, sage ich. Meine Wohnung gefällt ihm. Wie die Schuhe im Regal stehen, erinnert an die Zeichnungen.

Eine Frau, außer Atem vom Treppensteigen, kommt langsam die letzten Stufen zur Wohnung rauf. Ich bitte sie herein. Sie steht im Zimmer und wartet, wieder zu Atem zu kommen. Sie trägt eine gelbe Jacke aus Wollstoff, das Futter ist farblich abgestimmt und an den Ärmeln nach außen gekrempelt. Eine Goldkette mit kleinen Tieranhängern lockert das Schwarz des Rollkragenpullovers auf. Über die Schulter trägt sie einen gewebten, bunten Rucksack. Das rote Haar ist weich hochgesteckt. Sie ist sorgfältig geschminkt. Schauen sie sich um, fordere ich sie auf. Sie schaut sich um. Sie geht ins andere Zimmer. Ich biete an, die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen zu zeigen. Sonst, denke ich, denkt sie, sie hat nichts zu sehen bekommen. Ich bitte sie, am Arbeitstisch Platz zu nehmen und reiche ihr die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen aus dem Regal. Ganz vorsichtig handhabt sie die Blätter.

Angemessen vernachlässigte Kleidung, schwarze Lederjacke. Die Besucher kommen jetzt so schnell hintereinander, daß ich keine Zeit habe, Notizen zu machen. Er sieht aus, als ob er zu wenig geschlafen hat. Seinen Namen habe ich nicht verstanden. Ein Kollege, vermute ich. Er sieht sich aufmerksam um und schweigt. Das kenne ich von Kollegen. Er findet den Text zu den Sammlungen auf dem Tisch und liest. Es klingelt.

Eine Frau kommt in die Wohnung. Ich gehe ihr entgegen und begrüße sie. Die Offenen Ateliers sind eine gute Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen, sagt sie. Sie ist neu in Düsseldorf. Der Mann in der Lederjacke lacht. Er sieht sich im Zimmer um. Er sucht etwas. Anscheinend vergleicht er das im Text beschriebene Zimmer mit dem, das er hier sieht. Wo ist die Postkarte mit dem Felsengarten? Der Text ist ein Jahr alt, die Postkarte hängt nicht mehr. Ich suche die Postkarte für ihn raus. Felsengärten sind was besonderes, sagt er. Ich reiche ihm die Postkarte. In Kyoto regnet es immer, erzählt er. Als das Foto für die Postkarte gemacht wurde, hat es nicht geregnet. Wir sehen uns zu dritt die Postkarte an. Wenn er Felsengärten so gerne mag, kann ich ihm noch was zeigen. Ich führe ihn ins Schlafzimmer und öffne die Schranktür. Er weicht zurück. Ich öffne die Schranktür soweit, daß er sich auf den Siebdruck mit Felsengarten konzentrieren kann und nicht davon irritiert wird, vor einem offenen Kleiderschrank zu stehen.
Wir gehen ins Arbeitszimmer zurück. Die Frau kommt aus der Küche. Sie ist die erste, die auch die Küche angeschaut hat. Der Mann, den ich für einen Kollegen halte, setzt sich an den Arbeitstisch und blättert die Fotos von den Zeichnungen durch. Ich hatte keine Zeit, sie wegzuräumen.
Die Frau interessiert sich für das Bild, das Thomas auf die Tapete gemalt hat. Mein Schlafzimmer. Im Schlafzimmer ist das Gegenstück. Mein Arbeitszimmer.
Der Mann verabschiedet sich. Ich bitte ihn, sich ins Buch einzutragen. Der Name ist unleserlich.

Mit der Frau habe ich mich noch eine Weile unterhalten, erinnere mich aber nur an ihren kleinen, schmalen, zinnoberrot geschminkten Mund. Der sah aus, als wäre er aufgemalt.

Volker kommt mit einem Freund. Volker studiert bei Krieg Malerei und hat bis vor kurzem im Nebenhaus gewohnt. Volker und seinem Freund gefällt, in einer Wohnung zu sein, die hergezeigt wird. Sie blättern in Büchern und Katalogen. Auf dem Arbeitstisch ausgebreitet liegen die Fotos von den Zeichnungen. Volkers Freund setzt sich an den Arbeitstisch und sieht die Fotos an. Es klingelt. Ich drücke den Türöffner. Volker und ich unterhalten uns über die Nachbarschaft, bis ich die Besucher auf dem Treppenabsatz höre. Ich gehe zur Tür, um sie zu begrüßen.

Ein Mann und eine Frau. Gleich hinter ihnen kommt nach Atem ringend eine ältere Frau. Die drei sehen wie eine Familie aus. Ich stelle mich vor. Der Mann geht voraus in die Wohnung. Die Frauen folgen ihm. Aneinandergedrängt bleiben sie in der Mitte des Zimmers stehen. Ich fordere sie auf, sich umzusehen und zeige zum Schlafzimmer.
Als der Mann und die beiden Frauen aus dem Schlafzimmer kommen, weise ich auf die Fotos hin, die Volkers Freund auf dem Arbeitstisch ausgebreitet hat liegen lassen. Der Mann setzt sich, gefolgt von den beiden Frauen, an den Arbeitstisch und überfliegt die Fotos von den Zeichnungen. Er raunzt und steht auf. Die Frauen machen ihm Platz. Sie wollen gehen. Ich bitte sie, sich ins Buch einzutragen. Wie sie auf mich gekommen sind, frage ich. Mit dem Finger draufgezeigt, antwortet der Mann und winkt mit dem Lageplan der Ateliers. Sie tragen sich ins Buch ein. Dreimal Hartwig. Ich begleite sie zur Tür.

Volker und sein Freund stehen am Regal. Sie blättern Bücher von Schwegler durch. Die konnten mit der konzeptuellen Anlage deiner Ausstellung nichts anfangen, meint Volker. Wieso konzeptuell?

Ihn kenne ich, er war an der Akademie. Aber seinen Namen weiß ich nicht. Seine Freundin stellt sich vor. Simone. Er heißt Bernhard. Ich bitte sie rein. Die beiden gehen gleich zum Arbeitstisch und schauen die Fotos an, die da ausgebreitet liegen. Zeit zum Zusammenpacken war auch diesmal nicht.
Simone erkennt Zeichnungen an der Wand vom Rundgang wieder. Die Zeichnungen sind neu, keine, die ich beim Rundgang gezeigt habe. Meine Arbeiten ähneln einander. Bernhard fragt nach dem Format der fotografierten Tafeln. Ich zeige es mit den Händen und hole dann den Karton mit den Originalen vom Regal im Flur. Jede Tafel ist in Papier eingeschlagen. Ich packe zwei aus und lege sie für Bernhard auf den Arbeitstisch. Er nimmt eine Tafel in die Hand und schaut sie lange und konzentriert an.
Simone hat das Leporello mit den Fotos von den quadratischen Tafeln aufgefaltet. Sie spricht mich auf die Farbigkeit der Fotos an. Ich hole eine der quadratischen Tafeln. Sie liegt bei den grundierten Brettern im Regal. Wir kommen überein, daß nicht nur die Farbigkeit der Tafeln, sondern auch das dicke Holz etas anderes ist, als das Leporello mit den Fotos. Es sei wichtig, auch das Original zu sehen, meint Simone. Die Schachtel mit den Fotos habe ich, um etwas zeigen zu können, wenn ich gefragt werde, was ich mache. Auszüge aus dem Archiv.
Bernhard beteiligt sich nicht am Gespräch. Er nimmt die nächste Tafel in die Hand und schaut sie lange an. Simone fragt, ob es einen Katalog von mir gibt. Ich zeige ihr das Faltblatt von der Ausstellung in Mönchengladbach. Wir kommen auf die Schwestern van Koolwijk zu sprechen. Von Claudia, das ist die, die fotografiert, habe ich nichts da.
Bernhard fragt, ob die Farben so aus der Tube kommen oder gemischt sind. Sie sind sorgfältig gemischt, sonst funktioniert die Räumlichkeit nicht. Siehst du doch, sagt Simone, und zeigt auf verschieden abgetönte Grauwerte. Bernhard folgt ihrem Finger mit den Augen. Ich erzähle, wie ich die Farben in vielen dünnen Schichten auftrage. Bernhard hält eine Tafel in der Hand und hört zu.
Simone beschäftigt, wie wichtig sorgfältige Farbe ist. Sie ist Fotografin. Bei Becher hat sie studiert. Ich kann mich nicht erinnern, ihr an der Akademie begegnet zu sein. Wir vereinbaren, daß ich sie in ihrem Atelier besuchen kommen werde.

Eine große, dünne Frau und eine kleine, dicke Frau. Sie sehen aus wie Schülerinnen. Nachher, im Gespräch stellt sich heraus, daß sie fast so alt sind wie ich. Die eine hat Design studiert wie ich, die andere malt und ist Autodidaktin. Als Autodidaktin muß man wenigstens doppelt soviel leisten, haben sie ihr beim Kulturamt gesagt. Sie erzählen mir, was sie gerne würden und dann doch nicht tun. Ich höre ihnen zu. Sie bleiben lange. Den Beckett-Comic habe ich ihnen gezeigt. Meine Diplomarbeit.

Christopher. Auf Christopher habe ich gewartet. Er könne kommen, wann er will, ich sei da. Ich freue mich, ihn zu sehen. Wir geben einander die Hand. Er weiß, daß ich meine Wohnung ausstelle, ich habe ihm am Telefon davon erzählt. Er legt ab, ich biete ihm Kaffee an.
Ob ich Beschreibungen von den Besuchern mache? Woher weiß er das? Er sieht sich um. Ich sage ihm, daß er alles anschauen darf, ausnahmslos. Es klingelt. Mit den Kaffeetassen auf dem Tisch ist die Inszenierung gestört. Aber das läßt sich jetzt nicht ändern.

Christopher nimmt einige Sachen aus dem Regal und beobachtet, wie ich die beiden Besucher hereinführe, und wir uns in der Wohnung bewegen. Der mit dem Filzhut und der karrierten Wolljacke setzt sich gleich auf die Kirchenbank und beginnt den Text zu lesen. Der andere sieht sich um. Dann nimmt auch er einen Text und liest. Ich erkläre Christopher, daß der Text das Zimmer und die Sammlungen beschreibt.
Christopher und ich stehen am Regal. Der eine Besucher fragt nach den Postkarten, die im Text beschrieben sind. Ich zeige sie ihm. Sie liegen jetzt griffbereit. Christopher wird neugierig auf den Text. Offenbar habe ich ihm nicht alles erzählt, was im Text steht.

Eine Frau kommt dazu. Auch sie fordere ich auf, sich überall umzusehen. Der mit dem Filzhut steht auf und kommt, um mir zu sagen, daß der Text eine gute Arbeit ist. Kollegenterminologie. Er erzählt, wie er den Text gelesen hat. Bei dem Felsengarten habe er angefangen über rituellen Selbstmord in Japan nachzudenken und sei erstaunt gewesen, unten im Text Selbstmord erwähnt zu finden. Ob das am Text liegt, oder daran, daß er ihn vorher überflogen hat, weiß er nicht. Er sagt ein Haiku auf. A man lovesick jumped into a vulcano inactive.
Die Frau muß aufs Klo. Ich zeige ihr den Weg. Christopher freut sich an der Inszenierung und ihren Details. Er steht ans Fensterbrett gelehnt und liest den Text. Ein Text vom letzten Jahr, das sei die gleiche Unregelmäßigkeit wie in den Zeichnungen, sagt er mir. Damit hat er mich etwas über meine Ausstellung gelehrt.

Die beiden Männer verabschieden sich. Sie bedanken sich. Ich bitte sie, sich ins Buch einzutragen. Die Frau will sich auch verabschieden. Sie ist Linkshänderin und dreht das Buch, um durch den Bund nicht beim Schreiben behindert zu werden.
Erst im Flur verwickelt sie mich in ein Gespräch. Sie spricht mich auf Ornamente und Tapetenmuster an. Ob ich mir vorstellen könne, ein Tapetenmuster zu entwerfen. Das kann ich mir vorstellen. Wir verabschieden uns.

Christopher steht wieder am Regal. Er ist der bislang selbstständigste Ausstellungsbenutzer. Er hält einen der Diakästen in der Hand und besieht ihn gegen das Licht. Illustrationen, die ich kaum noch herzeige. Er fragt, ob er irgendwas wichtiges nicht gesehen hat. Ich empfehle ihm den Beckett-Comic und die Kulturkiosk-Mappe. Den „Film mit T.T.“ und „10 kleine Stücke“ kann ich nicht zeigen. Ich habe keinen Videorecorder. Christopher erzählt von einer Situation, die er gefilmt hat: Ein Garten, ein Tisch, zwei Stühle, zwei Menschen, die sich vorher nie begegnet sind. Er hat die beiden aufgenommen, wie sie miteinander an dem Tisch zurechtkommen müssen. Das Material liegt seit Monaten ungeschnitten.

Ich warte auf den ersten Besucher. Die Wohnung habe ich wieder in den Präsentationszustand gebracht. Aufgeräumt, gefegt, gestaubsaugt, gespült. Ich liege vor dem Fernseher und sehe eine Film an, der mich nicht interessiert. Es klingelt an der Tür. Ich drücke den Türöffner und öffne die Wohnungstür. Mein Nachbar Thomas steht vor der Tür. Der Fernseher läuft noch, ich bin auf Socken, die Tasse und der Aschenbecher stehen auf dem Boden. Die Zeit, die jemand braucht, um von unten in den dritten Stock zu gehen, hätte gereicht, um alles herzurichten. Ich bitte Thomas rein.

Er hat mir eine Flasche Prosecco mitgebracht. Ich hatte ihm längst eine Einladung versprochen, nachdem er mir seine Wohnung gezeigt hatte. Seine Wohnung hat den gleichen Grundriß wie meine. Thomas ist neugierig, wie die Wohnung bei mir eingerichtet ist. Er sieht nach, welche Farben die Kacheln im Bad haben. Er sieht meine Küche an, die genauso winzig ist wie seine. Wir unterhalten uns übers Kochen. Es klingelt.

Thomas Pöhler und Daniel kommen. Sie spielen Kunstprüfer. Ich soll meinen Künstlerausweis vorzeigen. Ich zeige meinen Künstlerausweis. Daniel macht Untersuchungen für seinen Punktekatalog. Ich zeige ihm die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen. Ganz schön, aber die Zeichnungen an der Wand sind nicht signiert. Das gibt Punkteabzug. Ich zeige ihm meinen Stempel. Thomas will, daß ich auch den Brustwarzenstempel zeige. Mein Nachbar hat sich auf die Kirchenbank zurückgezogen. Thomas fragt, wessen Atelier er außerdem besuchen soll. Ich empfehle Herrn Naegeli, der hat sein Atelier gleich um die Ecke. Naegeli, sagt Daniel, hat er geglaubt, sei Uecker. Ein Psydonym für jemanden, der mit Nägeln arbeitet. Ich biete Kekse an. Thomas hatte sich Kekse gewünscht. Und wo ist der Sekt? fragt er. Die Inszenierung läßt keine Bewirtung zu. Und die Kekse werden auch gleich wieder weggepackt. Thomas und Daniel tragen sich umständlich ins Buch ein. Ein Kollege von der bildenden und einer von der darstellenden Kunst. Sie verabschieden sich.

Thomas, mein Nachbar setzt sich an den Arbeitstisch und sieht die Fotos von den Zeichnungen an. Eine quadratische Tafel gefällt ihm auf den Fotos besonders. Was das ist, will er wissen. Ein Gartenweg mit Beeten. Thomas war Gärtner bevor er Architekt wurde. Ich hole das Original für ihn. Es ist im Koffer oben im Hängeboden. Um daran zu kommen, brauche ich einen Stuhl. Ich nehme den Stuhl, der vor dem Klavier steht mit in den Flur und hole den Koffer hervor. Die Tafeln sind einzeln in Papier eingewickelt. Ich suche die mit dem Gartenweg, packe sie aus und gebe sie Thomas. Es klingelt.

Jyrg Munter und seine Frau kommen. Sie haben vor kurzem geheiratet. Jyrg stellt uns vor. Irith Fröhlich und Jyrg Munter. Das mit den Namen kann kein Zufall sein. Ich frage sie, ob sie sich über eine Agentur kennengelernt haben. Sie lachen. Jyrg interessiert sich für die Sammlungen. Ich empfehle ihm, die Schachtel mit den Fotos von den Zeichnungen anzusehen. Er arbeitet mit Ansammlungen in Schachteln. Mein Nachbar sitzt vor dem Archiv und blättert in den Mappen. Er entdeckt eine Zeichnung, die ihn an die Fassade des Hauses erinnert, in dem wir leben. Wenn die Sonne scheint, ist das Haus so leuchtend gelb.

Frank und Renate kommen. Die Wohnung wird voll. Mein Nachbar verabschiedet sich. Er kann bezeugen, daß viele Besucher da waren. Gestern hat er die Schritte der Besucher durch die Decke gehört. Frank und Renate legen ihre Jacken und Schals auf einem der beiden Stühle vor dem Regal ab. Frank kniet sich vors Archiv und beginnt zu blättern. Renate schaut ihm über die Schulter.
Ich sitze mit Jyrg und Irith auf der Kirchenbank. Jyrg erzählt von der Pathologie des Sammelns. Eine unendliche Arbeit, warum fängt jemand überhaupt damit an? In diesem Sinn sammle ich nicht. Bei mir sammelt sich an. Es klingelt. Ich stehe auf, um zu öffnen.

Zwei Besucherinnen bringen einen Brief mit. Jemand hat ihnen den Brief unten an der Tür gegeben. Ich lade sie ein, sich umzuschauen und öffne den Brief. Der Brief ist von Thomas. Termine zu einem Seminar über den japanischen Selbstmörder, von dem er mir erzählt hat und ein Artikel über Ernst Beyeler. Eine kleine Aufmerksamkeit.

Jyrg und Irith verabschieden sich. Frank hat Mappen aus dem Archiv ausgesucht und setzt sich mit Renate auf die Kirchenbank. Die Mappen legt er vor sich auf den Tisch.

Die beiden Frauen verabschieden sich. Zwischen all den anderen Besuchern habe ich nicht geschafft, mich mit ihnen zu unterhalten oder auch nur zu verfolgen, wie sie die Ausstellung benutzt haben.

Ich bin mit Frank und Renate allein. Ich nehme mir den Stuhl vor dem Klavier und setze mich zu ihnen an den Tisch. Ich biete zu trinken an. Frank hat die mit Diverses beschrifteten Mappen herausgesucht. Er kommentiert die Zeichnungen lästerlich. Er spielt. Renate sorgt dafür, daß sie auch was zu sehen bekommt. Ich suche eine Postkarte zu einer Zeichnung mit einem Textfragment heraus. Die Buchstaben habe ich von der Abbildung eines gotischen Teppichs übernommen. Der Ausschnitt ist zu klein, um den Text zu rekonstruieren. Frank versucht den Text auf der Abbildung eines anderen Teppichs zu entschlüsseln.
Es wird langsam dämmrig. Wir plaudern. Ich frage Frank, ob er noch Kontakt zu anderen Künstlern hat, die bei ihm in Mönchengladbach ausgestellt haben. Seit die Galerie geschlossen ist, hat sich nichts ergeben. Er ist mit dem Umbau seines Hauses beschäftigt und damit, das dafür nötige Geld zu verdienen. Frank warnt mich vor schlecht bezahlten Jobs und unzureichender Altersversorgung. Ich kümmere mich, der Job als Cutterin ist gut bezahlt, beruhige ich ihn. Und ein Drehbuch ist in Vorbereitung. Ich zeige ihm den Drehbuchentwurf.

Drei neue Besucher kommen. Zwei Männer und eine Frau, ungefähr in meinem Alter. Die Frau habe ich schon mal gesehen. Frank und Renate schauen von der Kirchenbank aus zu, wie ich den Besuchern die Wohnung zeige. Was sie anschauen dürfen, fragen sie mich. Alles, sage ich. Wirklich alles? Auch in den Schubladen? Wenn sie sich trauen, auch in den Schubladen. Die drei verteilen sich auf die Zimmer und nehmen mein Angebot ernst.

Frank und Renate verabschieden sich. Die Frau hat sich an den Tisch gesetzt und blättert im Storyboard. Einer der beiden Männer steht am Schreibtisch, vor sich den Sammlungstext, und liest. Der andere blättert die Fotos von den Zeichnungen durch. Warum ich geschrieben habe „eine Sammlung der SCHÖNSTEN Todesfälle und Selbstmorde“? Eine Anspielung auf Sampler, erkläre ich. Und die Geschichten, die ich gesammelt habe, sind absurde Geschichten. Ich erzähle die von dem Mann, der in selbstmörderischer Absicht vom Hochhaus sprang und auf einem Passanten landete.
Wir sprechen über die Offenen Ateliers und die Intimität einer Ausstellung wie meiner. Einer der beiden Männer betont, wie wichtig persönliche Umstände des Künstlers sind, um seine Arbeit zu verstehen. Die Arbeit muß auch unabhängig von meinen Absichten und Umständen funktionieren, widerspreche ich.

Während wir uns unterhalten, klingelt es. Der neue Besucher kommt ins Zimmer, sieht, dreht sich um und will wieder gehen. Ich halte ihn auf, damit er sich ins Buch schreibt. Er überlegt, was er neben seinen Namen zeichnen könnte. Er zeichnet und verabschiedet sich. Die drei Besucher meinen, der habe wahrscheinlich fast alle Ateliers gesehen und wolle in den letzten 10 Minuten noch einige abhaken. Dann, nachdem sie sich ins Buch eingetragen haben, verabschieden die drei sich auch.

Düsseldorf – 1997