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Montage „Die Sammlungen“, Teil der Projektdokumentation 1997

Die Sammlungen, der Text, 1996

„Die Sammlungen“, ein Text von 1996, beschreibt mein Arbeitszimmer. An Hand des Mobiliars entwickle ich ein Bild der inneren und äußeren Ordnung meines Arbeitszimmers und damit indirekt meiner Arbeit.

Die Räume, die ich beschreibe sind subjektiv, aber es gibt immer mehr als ein Subjekt: jemanden, der den Raum erzeugt, jemanden, der ihn beschreibt und jemanden, der ihn nachvollzieht. Meine Projekte handeln von konkreten Raumsituationen, die als Vorstellung von einem Raum beobachtet und formuliert sind. Ich beobachte mich selbst und andere bei der Nutzung von Räumen.

1997 waren die gesamte Wohnung und die darin angelegten Sammlungen drei Tage lang öffentlich zugänglich. In den „Besucherbeschreibungen„, kurzen Texten über die Begegnungen mit Besuchern, und einer Panorama-Fotomontage ist die Ausstellung dokumentiert.

Die Sammlungen

Drei Tische stehen in meinem Arbeitszimmer. Einen benutze ich zum Lesen und Schreiben. In seinen Schubladen bewahre ich Papier, Aktendeckel, Briefumschläge, Stifte, Scheren, Lineale, Tesafilm, Büroklammern, Stempel und Schlüssel auf. Ein Drittel der Tischplatte nimmt der Computer in Anspruch. Bücher, mit denen ich arbeite liegen daneben, außerdem ein Stapel mit Papieren, Prospekten und Zeitungsseiten, die sich angesammelt haben.

Wenn ich an diesem Tisch sitze, sehe ich auf eine Wand. Auf Augenhöhe habe ich zwei Postkarten aufgehängt. Die eine zeigt die Kunstakademie als Fotomontage. Mit dem zum Quadrat verkleinerten Grundriss sieht sie angenehm handlich aus. Ob die Akademie auf der Postkarte ein Kubus ist, kann man nicht sehen. Sie ist auf der Hälfte des ersten Stockwerks angeschnitten. Die andere Postkarte ist ein Foto von einem Felsengarten in Kyoto. Ein Kommilitone, für den ich einen Text aus dem Japanischen übersetzt habe, hat sie mir geschenkt. Ich kann kein Japanisch. Für eine Freundin habe ich ihre Gedichte aus dem Polnischen übersetzt. Ich kann kein Polnisch. Wir haben zusammen eine Rohübersetzung gemacht. Dann habe ich angefangen zu fragen und vorzuschlagen, bis ich das Material für die Übersetzung zusammen hatte.

Am zweiten Tisch male und zeichne ich. Farbtuben und -flaschen stehen mit Wassertöpfen, Tellern zum Farbenmischen und Krügen mit Pinseln durcheinander. Mehrere Blöcke Zeichenpapier liegen auf einem Stapel bereit. Unter dem Tisch steht ein alter Metallschrank mit Werkzeug, Schrauben und Nägeln, Klebstoff und Leim, Schleifpapier und Sprühdosen. Auf dem Schrank liegen die grösseren Zeichenblöcke. Papierbögen lagere ich in einem Schiebkasten unter dem Bett.

Auf dem Stück Wand dem Tisch gegenüber ist Platz, um Zeichnungen aufzuhängen. Wenn ich sie nicht mehr brauche, sammle ich sie in Aktendeckeln, bis ich sie zusammen mit anderen Zeichnungen ins Archiv stelle. Ungezählte Zeichnungen aus fünf Jahren stehen in Aktendeckeln geordnet im Archiv. Die Ordnung ändert sich ständig, ist aber so angelegt, dass ich eine gesuchte Zeichnung wiederfinden kann zwischen Zeichnungen, die ich als Nachbarzeichnungen angenommen habe. Jetzt hängen einige Fotos von einer schrankgroßen Kiste und ein gemaltes Interieur an der Wand. Die Kiste habe ich Anfang des Jahres gebaut und bemalt. Die Fotos und die Malerei sind Vorbereitungen für einen Möbelprospekt.

Den Rest der Wand nimmt ein Regal ein. In dem Regal sind das Archiv und ein Teil der Bücher untergebracht. Die Bücher sind nach Sach- und Sprachgebieten alphabetisch geordnet. Aber das ist nicht die Ordnung der Bücher. In den Büchern liegen Zeichnungen, Ansichtskarten, Zeitungsausschnitte und Zettel mit abgeschriebenen Passagen aus anderen Büchern oder Verweise auf Seitenzahlen sind notiert. Goethe „Die Wahlverwandtschaften“ steht nicht bei Pückler „Andeutungen über die Landschaftsgärtnerei“ und den anderen Gartenbüchern, obwohl ich „Die Wahlverwandtschaften“ als Ergänzung zu meinen Pückler-Recherchen gelesen habe. Goethe steht bei Goethe unter deutschsprachiger Literatur. Aber seine „Farbenlehre“ habe ich zu den anderen Farbenlehren gestellt.

Der dritte Tisch ist mein Esstisch. Der Esstisch ist ausziehbar. Von Zeit zu Teit gebe ich Abendessen. Dann stelle ich den Tisch vor die Kirchenbank. Auf der ist Platz für fünf Leute. Für die restlichen Gäste habe ich verschiedene Stühle. Um die Abendessen geben zu können, habe ich mehr Geschirr, Besteck und einen großen Kochtopf angeschafft. Die Abendessen sind Gelegenheiten Leute zusammenzubringen. Es ist interessant zu sehen, wie sich der Abend entfaltet und welche Geschichten erzählt werden. Ich erzähle gerne Geschichten. Geschichten haben Gelegenheiten. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, erzähle ich die Geschichte. Die Gelegenheiten verändern die Geschichte, selbst wenn ich sie gleich erzählte. Durch das Erzählen behalte ich die Geschichten in Erinnerung. Ich habe versucht, die Geschichten zu notieren. Aber im Notizbuch haben sie keine Gelegenheiten. Auch Nummern hinter den Geschichten als Verweis auf andere nummerierte Geschichten, haben nicht geholfen, die Geschichten zwischen den Geschichten zu notieren.

Lange habe ich geglaubt, dass ich nichts sammle. Dann fing ich an zu glauben, dass meine gesamte Arbeitsweise eine sammelnde ist. Ich habe ein Zeichnungsarchiv. Ich habe eine Sammlung gefundener Zeichnungen, gefundener Fotos und Briefe, eine Karton voller Kunstpostkarten, ein „Design-Museum“ voller Merkwürdigkeiten, eine Sammlung der schönsten Todesfälle und Selbstmorde aus der Zeitung, Notizen und Recherchen über das Sammeln und Ordnen. Ohne es eigentlich vorzuhaben, habe ich viel Material zusammengetragen. Der Planet scheint aufgebaut zu sein, damit ich finde.

Düsseldorf – 1996